2040: Berlin ist autofrei

Überwucherter Trabant
Wir schreiben das Jahr 2040. Die Berlinerinnen und Berliner schnuppern autofreie Luft. 

Berlin 2040: Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Automobilismus ist erledigt! Die Raser haben abgedankt! Es lebe die deutsche Fahrrad-Hauptstadt. Es lebe das neue Berlin!

Sanft surrt der Berliner Verkehr

Sanft surrt der Verkehr in der Fahrrad-Hauptstadt. Im Tiergarten mischt sich leises Rollen mit Vögelgeräuschen. Ab und zu unterbricht ein Klingeln oder ein tiefer Bass aus der Boombox eines Cruiserbikes das Treiben, aber sonst ist das Leben entspannt. Nur die Älteren erinnern sich noch an die Zeit vor dem Volksentscheid, als die Stadt an der Spree für Autos freigegeben war. Damals waren, so wissen es die Historiker, sogar noch Stadtautobahnen in Betrieb.

Berlins radelnder Bürgermeister

Doch mit ganz wenigen Ausnahmen, darunter befindet sich eine skurrile Querfront aus lernresistenten ADAC’lern und versprengten Grünen aus Tempelhof-Schöneberg, möchte niemand das Rad wieder zurückdrehen. Berlins regierender Bürgermeister fährt helmfrei jeden Sonntag mit dem Rad zum Bäcker. Die CDU trifft sich zum traditionellen Velomobil-Rennen auf der AVUS. Die FDP hat das Liberale Fahrradmanifest verabschiedet, auf Wahlplakaten posiert Christian Lindner mit Bling-Bling auf seinem Beachcruiser.

Berlins legendäre Bike-ins

Autofreies Berlin 2040: Bike-Ins An der Jannowitzbrücke.

Berliner Arbeiter, Geschäftsleute und ab der Dämmerung auch die Künstler strömen in die Bikes-Ins zu, die Schnellrestaurants mit Fahrradspuren. Konnopke, Curry 36 und Mustafas Gemüsekebap sind mit Fahrradtheken ausgestattet, damit die Gäste beim Genuss nicht vom Sattel müssen.
Konkurrenz erhalten die Alteingesessenen von den großen Bike-Ins an der Jannowitzbrücke. Die bunten Lichter ziehen die Touristen und Partyradler schon vom anderen Ufer der Spree an. Die Rennradfahrer checken aber lieber in den Steel-Vintage-Cafes ein.
Extrabreite Radtische sind das Markenzeichen vom Cafe Kranzler. Hier treffen sich die Reiferen, stark vertreten sind Dreirad- und Rollator-Rider, aber auch Liegeradler. Die Senior-Szene schlürft Kännchen-Kaffee und probiert die leckeren Kuchen. Ob jung oder alt – alle Berliner genießen den Luxus der Fahrradstadt. Allerdings geht es nicht immer und überall so gediegen zu. Berlin ist nicht Villingen-Schwenningen.

Neuköllner Outlaw Bicycle Gangs

Fahrradstaffel Berlin
Berliner Fahrradstaffel der Polizei im Einsatz.

In Kreuzberg und Neukölln wird es am Abend unruhig, denn dann spielen Outlaw Bicycle Gangs mit der Fahrradstaffel der Polizei Katz und Maus. Wenn die Bierdeckel zwischen den Speichen der Lowrider wie Maschinengewehre knattern, dann markiert die berüchtigte Radposerszene ihr Revier. Frisierte Pedelecs rasen mit 35 km/h zwischen Hermannplatz und den Neukölln-Arcaden auf und ab. Verfolgt werden die Illegalen von sportlichen Polizeitandems. Wer dieses Schauspiel genießen möchte, schlendert einfach durch die Karl-Marx-Straße. Ein Theater mit Bühne und Saal braucht in Kreuzkölln niemand, denn das Straßentheater ist nicht zu toppen.

Der 1. Mai – ein Kindergeburtstag

Outlaw Bicycle Gangs
Angst und Schrecken in Berlin: Outlaw Bicycle Gangs.

Richtig ungemütlich wird es in Berlin allerdings am World Bicycle Day, wenn der Capital Bike Ride (CBR) angesagt ist und krawallbereite Chapter der Outlaw-Bicycle-Clubs in die Hauptstadt cruisen. Dann verlassen Hollandradler und Velosophen die Stadt. Die Geschäftsleute verrammeln ihre Schaufenster. Die Banken heuern Sicherheitspersonal an, um sich vor Plünderungen zu schützen. Es riecht nach verbranntem Kettenfett und die Velocopter kreisen über der Stadt.

„Dagegen ist der 1. Mai ein Kindergeburtstag“

Enrico*, Inhaber eines Szenecafes (Name geändert)

Der bärtige Inhaber eines Szene-Cafes, nennen wir ihn Enrico (er möchte seinen Namen hier nicht lesen) ist noch von den Häuserkämpfen und dem 1. Mai 87 einiges gewohnt, aber vor den Bike-Outlaws hat der Alt-Anarcho Respekt : „Dagegen ist der 1. Mai ein Kindergeburtstag“. Dit is Berlin.

Mit dem Fahrrad zum Club

Vor dem Berghain und dem KitKatClub wachen die Türsitzer auf den Bananensätteln ihre Bonanzas. Wer hier ohne Bike auftaucht, wird gnadenlos abgewiesen. „Geh doch zurück nach Sindelfingen und heul dich aus“ ist noch der harmloseste Spruch. Die Jungs mit den tätowierten Waden achten auf, dass keine Porsche-Poser, Maserati-Mamasöhnchen und Lamborghini-Loser auftauchen und die Mädels vom Dancefloor vergraulen. Insider greifen deshalb zu einem Trick: Mit der Radklammer am Hosenbein lassen die Bonanzas mit sich reden. Ein anderer Trick funktioniert vor dem punkigen Clash. Wer „zur Opel-Gang“ gehört, ist auch ohne Bike dabei.

Szenetipps: Die Fixie-Community trifft sich am Kottbusser Tor oder im Görli Park. Sportlicher geht es dagegen auf der AVUS zu, der Paradestrecke der deutschen Radrennfahrer. Wer es nostalgisch mag, fährt zum Brandenburger Tor, wo die Pedersen-Pedalisten ihre nobeln Gefährte zur Schau stellen.

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4 Gedanken zu „2040: Berlin ist autofrei

  1. Was für eine wunderbare Vorstellung! 😀

    1. Träumen ist erlaubt 🙂 Und wenn es nicht 2030 klappt, dann 2050!
      Liebe Grüße,
      Bernd Schmitt

  2. Alter ist das verschwuchtelte Scheiße…
    Eure Zukunftsvision ist beängstigend,
    ich sehe schon vor mir, wie der Mensch zum
    reinwaschen seiner angeborenen Umweltsünden
    durch Gesetze auf eine Minimalexistenz reduziert wird.

    Friss Insekten, sonst geht die Welt unter…
    Snack dir Maden und Würmer in dein Wanst.
    Wenn du am Ende nicht mehr kannst,
    kriech nach Hause, auf deinem Bambus-rad
    durch die verschmutzungsfreie Stadt,
    freudestrahlend in den Container-Plattenbau!
    Welcome home

    1. Werter Herr Umweltsatan,
      die Radkolumne beschränkt sich auf die Verkehrspolitik. Sie können in der autofreien Stadt weiterhin essen, was sie möchte und leben, wie Sie möchten.

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