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Weltfahrradtag

Weltfahrradtag: 3. Juni.

Am 3. Juni ist Weltfahrrad der Vereinten Nationen. In Deutschland heißt das: Der Fahrradclub ADFC, der Verkehrsclub VCD und andere Organisationen machen mit verschiedenen Aktionen darauf aufmerksam, dass wir endlich auch bei uns eine moderne Verkehrspolitik brauchen.

Radverkehr sicher machen

Anders als noch vor 20 oder gar 40 Jahren ist es heute keine Frage mehr, ob das Fahrrad zu den Verkehrsmitteln oder Sportgeräten zählt. Das Rad bringt die Kinder zur Schule, den Arbeiter in die Fabrik und die Verkäuferin in die Bäckerei. Das Problem ist allerdings der fehlende Schutz vor dem Autoverkehr, der in Deutschland noch immer die Straßen beherrscht, und das sogar in den Städten. Damit die Bürgerinnen und Bürger von 5 bis 105 Jahren gefahrlos und stressfrei mit dem Rad von A nach B kommen können, braucht es mehr Sicherheit und Komfort. Konkret heißt das:

  • In den Städten eine Regelgeschwindigkeit von Tempo 30.
  • Breite und separate Radwege, die durch bauliche Maßnahmen geschützt sind.
  • Generell weniger Autos in den Städten.
  • Radschnellwege von den Vororten zu den Stadtzentren.

ADFC-Sternfahrt

Rad fahren auf der Autobahn
Mit dem Fahrrad auf der Autobahn.

Am Weltfahrradtag besonders aktiv ist der Berliner ADFC. Schwerpunkt ist eine große Sternfahrt. Die findet immer an einem Sonntag statt, und zwar am oder um den 3. Juni. Da dürfen die Radler dann auch auf die Berliner Stadtautobahn, deren Ausbau ja immer noch nicht vom Tisch ist. Ziel von vielen Berliner Verkehrs-Inititiativen ist es, den Ausbau der A100 zu stoppen. Die Begründung: Neue Autobahnabschnitte locken nur noch mehr Autos in die Stadt. Vernünftiger wäre ein Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und die Schaffung eines Radschnellwege-Netzes wie in London oder Paris.
PS: Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es sicher schon bemerkt. Das obige Autobahn-Bild stammt nicht von der Berliner ADFC-Sternfahrt, sondern von einer Fahrrad-Demonstration anlässlich der IAA 2019. Der Grund ist, dass der Autor dieses Artikels zwar schon bei der Berliner ADFC-Sternfahrt dabei war, den Autobahn-Teil aber verschlafen hat. Wenn es dann schon das falsche Bild ist, sein diese Anmerkung noch erlaubt:
2019 wurde die IAA zum letzten Mal in Frankfurt abgehalten, 2021 findet sie in München statt. Die Radkolumne meint: Autoausstellungen gehören weder nach Frankfurt noch nach München. Sie gehören überhaupt nicht in Städte. Der ideale Ort für die IAA wäre der Nürburgring. Dort ist alles vorhanden, was eine große Motorshow braucht.

Popup-Radstreifen

Popup-Radstreifen
Popup-Radstreifen.

Zu den beliebten Aktionsformen am Weltfahrradtag zählt in Deutschland die Einrichtung von Popup-Radstreifen. Dabei wird, zum Beispiel mit Hütchen oder Blumentöpfen, ein Streifen von der Fahrbahn abgetrennt, der dann nur für den Radverkehr zur Verfügung steht. Solche Popup-Radstreifen gibt es in vielen Städten nicht nur für den Weltfahrradtag, sondern auch für einen längeren Zeitraum. Abgetrennt wird dann aber zumeist mit Leitbaken, wie sie auch an Baustellen verwendet werden. Im besten Fall wird ein Popup-Radstreifen dann zu einer dauerhaften Lösung umgebaut. In Berlin hat diese Methode funktioniert, zum Beispiel am Kottbusser Damm, der das Kottbusser Tor mit dem Herrmannplatz verbindet. Auf dieser immerhin 950 Meter langen Straße wurde aus dem Provisiorium ein richtiger Radstreifen. Weitere dauerhafte Radstreifen konnten in Frankfurt und Hamburg eingerichtet werden. Ein großes Problem besteht allerdings darin, einen verstetigten Radstreifen oder Radweg von parkenden Autos frei zu halten. Die Geldbußen für das Zuparken von Radstreifen sind in Deutschland lächerlich niedrig. Die Folge: Wo nicht abgeschleppt wird, ist der Radstreifen sofort zugeparkt. Und ein zugeparkter Radstreifen ist gefährlich, weil damit die Radlerinnen und Radler zu gefährlichen Manövern gezwungen werden. Wenn sie nach links ausweichen, geraten sie vor die Reifen der Autofahrer.

Vorteil von Popup-Radstreifen

Natürlich könnten statt Popup-Radstreifen auch gleich richtige Radwege angelegt werden. Allerdings dauert der Umbau einer Straße in Deutschland sehr lange. Mit den Popup-Streifen lässt sich sehr schnell zeigen, wie Gefahrenstellen entschärft werden und wie der Platz neu verteilt werden kann. Popup-Radwege schaffen sofort neue Anreize für den Radverkehr, und das ist auch bitter nötig. Die Gegner des Radverkehrs behaupten nämlich gerne, dass es nur sehr wenige Radfahrerinnen und Radfahrer gibt, und sich deshalb der Aufwand für eine bessere Fahrrad-Infrastruktur gar nicht lohnt. Die Widerlegung dieser Behauptung ist ganz einfach: Mit der Verbesserung der Infrastruktur steigen mehr Leute aufs Fahrrad. Und je präsenter der Radverkehr ist, desto einfacher können weitere Verbesserungen geplant und umgesetzt werden.

Radentscheide

Am Weltfahrradtag werden in vielen Städte auch besonders viele er Unterschriften für Radentscheide gesammelt. Wer das noch nicht kennt: Radentscheide benötigen zunächst eine Mindestzahl an Unterschriften, damit sie als Volksbegehren zur Abstimmung gestellt werden können. Dar erste deutsche Radentscheid wurde vom Berliner Abgeordnetenhaus am 28. Juni 2018 angenommen, und zwar ohne ein Volksbegehren. Die Stadtverwaltung ist also der Abstimmung aller Berliner Bürgerinnen und Bürger zuvort gekommen und hat die Forderungen auch in eine Gestetz gegossen, nämlich dem MobG, dem Mobilitätsgesetz. In diesem Gesetz ist dann festgeschrieben, welche Qualitäts die Radwege in Berlin zukünftig haben müssen. Ein Gesetz hat den Vorteil, dass es auch eingeklagt werden kann.
Ziel aller Radentscheide, es gibt sie mittlerweile im mehreren dutzend Städten: Die träge arbeitenden Stadtverwaltungen dazu bewegen, die Situation für den Radverkehr schnell zu verbessern und dabei Qualitätsstandards einzuhalten. Beispiel: Die Einrichtung eines Radrings, also einer sicheren Ringstraße um die Altstadt. In München wird der „Radlring“ gerade umgesetzt – und dabei um jeden Zentimeter gerungen. Die Arbeit ist nicht einfach, denn die starke Autolobby fürchtet um ihre Privilegien.
PS: Wer sich für die Situation in München interessiert, findet hier ein Interview mit der Radl-Stadträtin Sonja Haider (ÖDP).

Das Rad und die Parteien

Im Vergleich zu den Niederlanden oder Dänemark ist Deutschland ein Entwicklungsland. Der Weltfahrradtag ist eine gute Gelegenheit, die Parteien auf diesen Nachholbedarf aufmerksam zu machen. Umso mehr gilt das in Hinblick auf die kommenden Wahlen. Hier heißt es, die Wahlpramme genau zu prüfen: Manche Parteien würden das Radfahren ja am liebsten verbieten … zu den wichtigen Prüfsteinen gehört die Einführung des Tempolimits von 30 km/h in den Städten und die Verringerung der Auto-Parkplätze.

Fahrrad & Entwicklungshilfe

Nicht nur Deutschland ist ein Fahrrad-Entwicklungsland. In Ländern ohne öffentliche Verkehrssysteme legen noch viel zu viele Menschen große Distanzen zu Fuß zurück. In ländlichen Regionen vergeuden sie damit Zeit und Kraft. Ob der Tansport von Waren oder der Zugang zu Wasser, Nahrung, Bildung und medizinischer Versorgung. Das Fahrrad ist ein ideales Mittel, um das Leben schnell und nachhaltig zu verbessern. Die Vorteile:

  • Das Fahrrad ist billig.
  • Das Fahrrad ist unkompliziert.
  • Das Fahrrad macht die Umwelt nicht kaputt.
  • Das Fahrrad tötet keine anderen Verkehrsteilnehmer.
  • Das Fahrrad zieht nur geringe Folgekosten nach sich.
  • Das Fahrrad bringt die Kinder in die Schule, die Waren auf den Markt und den Arzt ins Dorf.

Außerdem benötigt das Fahrrad, mal von E-Bikes abgesehen, weder Sprit noch Strom. Dieser Aspekt ist angesichts der Öl-Knappheit nach dem Überschreiten des Peakoil nicht zu vernachlässigen. Das genügsame Fahrrad trägt nicht zu Konflikten um fossile Rohstoffe bei. Das Fahrrad ist also das ideale Fahrzeug für die weltweite Entwicklungshilfe. Wichtigster Akteur der Fahrrad-Entwicklungshilfe ist die Organisation World Bicycle Relief.

World Bicycle Relief

World Bicycle lief
Die Hilfsorganisation World Bicycle Relief.

Zu den großen Hilfsorganisationen, die sich der Fahrrad-Entwicklungshilfe widmen, zählt World Bicycle Relief.
World Bicycle Relief wurde 2005 von F.K. Day und Leah Missbach Day gegründet und hat auch eigenes Fahrradmodell entwickelt: hat das robuste Buffalo-Fahrrad. Rahmen, Gabel, Speichen und Gepäckträger sind aus Stahl gefertigt, um 100 kg Transportgewicht (plus Fahrerin oder Fahrer) zu gewährleisten. Außerdem verfügt das Buffalo über die bei uns schon fast ausgestorbene Rücktrittbremse. Der Grund ist ganz einfach: Ein gerissener Bremszug muss erstmal wieder ersetzt werden, es muss also ein Ersatzteil herbeigeschafft werden. Eine Rücktrittbremse hat keinen Bremszug, ist also weniger aufwändig zu warten.

Für eine Spende von 134 Euro wird ein Buffalo-Rad in eine Entwicklungsregion gebracht. Bisher hat World Bicycle Relief über 300.000 Buffalo-Räder ausgeliefert. Zum Prinzip von World Bicycle Relief zählt auch die Nachhaltigkeit. Die Organisation bildet Fahrradmechaniker vor Ort aus und stellt die nötigen Werkzeuge und Ersatzteile zur Verfügung. Für eine Spende von 45€ wird ein Werkzeugsatz angeschafft, für 23€ ein Laufradsatz.

Lokale Buffalo-Stützpunkte

World Bicycle Relief ist weltweit tätig und arbeitet auch gemeinsam mit Partnerorganisationen wie dem ING Orange Bike Projekt (initiiert von der niederländischen ING-Bank) oder der Hilfsorganisation World Vision zusammen. Das Buffalo-Fahrrad ist deshalb auch auf den Phillipinen verbreitet. Schwerpunkt von World Bicycle Relief ist aber der afrikanische Kontinent. In Sambia, Zimbabwe, Malawi und Kenia hat wurden insgesamt 20 Buffalo-Stützpunkte eingerichtet, in denen 32 lokale Angestellte die Räder aushändigen und über die notwendigen Ersatzteile verfügen. Eine weiterer Standort ist Kolumbien. Ziel ist in allen Ländern der Aufbau einer nachhaltigen Fahrrad-Infrastruktur mit Verkaufsstellen und Werkstätten, betrieben von der einheimischen Bevölkerung. Profitieren soll die lokale Wirtschaft. PS: Wer sich für die Technik der Buffalo-Räder interessiert, findet hier ein gutes Manual: Bicycle Maintenance Manual.

Weltautotag wäre besser

Zum Abschluss dieses Radkolume-Beitrags wird es jetzt noch ein ein wenig philosophisch. Ist es nicht jammerschade, dass es es überhaupt einen Weltfahrradtag geben muss? Radfahren ist so einfach, so kostengünstig, so sicher und so effektiv wie kein anderes Verkehrsmittel. Warum muss das extra erwähnt werden? Warum muss etwas gefördert werden, wenn doch die Vorteile auf der Hand liegen. Es gibt ja auch keine Welt-Kochtopf-Tag oder einen Welt-Schraubenzieher-Tag.
Die Radkolumne träumt deshalb von einem ganz anderen UN-Welttag: dem Weltautotag. Stellen wir uns mal vor, es gäbe im Jahr 2050 keine Autos in den Städte mehr. Dann wäre der Weltautotag eine Erinnerung an die Zeit, als die Blechkisten noch die Straßen unsicher machten. Bis dahin ist allerdings noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Also dann, auf einen erfolgreichen Weltfahrradtag!

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