Radfahren in München

Karl Valentin mit Fahrrad
Radfahren in München.

Radfahren in München. Geht das und geht das gut? Die Radkolumne hat nachgefragt. Rede und Antwort stand Sonja Haider. Die Verkehrspolitikerin sitzt seit 2014 für die ÖDP im Münchner Stadtrat.

Sonja Haider im Interview der Radkolumne

Radkolumne: Welche drei Strecken (Radwege, Straßen oder Brücken) sind in München alltagstauglich, also gut für die Fahrt zum Bäcker und zur Arbeit geeignet?

Die Details kenne ich natürlich bei meinen Alltagsstrecken am besten. Ich habe das Glück gleich zwei recht gute Strecken von mir in Obermenzing bis ins Rathaus radeln zu können: Die Radlstammstrecke entlang der Gleise auf der nördlichen Seite. Seit dem Bau der 2. Stammstrecke ist sie jedoch wieder unterbrochen, sonst käme man 6,4 km ohne Ampel und Kreuzung von Pasing bis zur Paul-Heyse-Unterführung. Abseits vom Autoverkehr, ohne Lärm und Abgase. 

Die andere Strecke führt mich durch das Kapuzinerhölzl, die neueste Vorfahrtsstrecke über Nederlinger und Waisenhausstraße durch den Olympiapark über die (Noch-nicht-Radschnellverbindung) Heßstraße in die Stadt. Das ist meine „grüne“ Route zurück, oft meine Erholung nach anstrengenden Rathaussitzungen. 

Meine dritte Route ist entlang der Würm, meistens nach Süden also nach Pasing. Ich fahr sie aber auch nach Norden, wenn ich nach Allach will. Die Unterführung unter der Verdistraße durch finde ich optimal und hatte solch eine vor 20 Jahren unter der Von-Kahr-Str. beim damaligen Umbau angeregt. Wurde leider nicht aufgegriffen damals.
Ich fahre lieber einen kleinen Umweg, um abseits der großen Straßen und des Lärms zu radeln. Die paar Minuten länger sind es mir wert. Dafür sehe ich den Sonnenaufgang am Nymphenburger Schloss, erlebe die kühle Luft der Bäume wenn ich aus der heißen Stadt komme und rieche Waldboden und fühle Sommerregen auf dem Gesicht 😉

Sonja Haider
Sonja Haider. Foto: Tobias Hase.

Radkolumne: Werfen wir mal die Zeitmaschine an! München hatte zwei große Abstimmungen zum Thema Verkehr:
Am 1996 stimmten 50,7 % der Münchnerinnen und Münchner für das Bürgerbegehren „Drei Tunnel braucht der Mittlere Ring“. Die Autotunnel wurden dann relativ flott gebaut.
Am 2019 hatte der Münchner Radentscheid 160.000 Unterschriften gesammelt. Der Stadtrat hat zwar die Forderungen übernommen, aber konkret umgesetzt wurde noch nichts. Was ist da los, warum geht das nicht voran?

Naja, 2015 wurde der letzte Tunnel fertig gestellt. Also 20 Jahre nach dem Bürgerbegehren. Vermutlich ist das „flott“ bei solch komplexen und großen Baumaßnahmen. Tatsächlich weiß ich wenig über die damaligen Planungs- und Umsetzungsschritte, weil ich in den Neunzigern nicht in München gelebt habe. 

Beim Radentscheid habe ich viel mehr Einblick. Vom Stadtrat wurden nicht nur die Forderungen übernommen, sondern bereits 40 zum Teil große Maßnahmen wie den Umbau der Schwanthaler Str. oder Lindwurmstraße beschlossen. Außerdem haben wir 3 x die Einstellung von 30 Personen beschlossen und bestätigt und jetzt sind die ersten davon endlich eingestellt.

„Die ersten Meter Altstadtradlring werden gerade asphaltiert. Das sind alles Entwicklungen, wie wir sie uns vor dem Radentscheid kaum erträumt hätten. Und trotzdem geht es mir viel zu langsam.“

Sonja Haider, Radlstadträtin der ÖDP München

Die ersten Meter Altstadtradlring werden gerade asphaltiert. Das sind alles Entwicklungen, wie wir sie uns vor dem Radentscheid kaum erträumt hätten. Und trotzdem geht es mir viel zu langsam. Es gibt in der Stadtspitze weder eine Vision noch einen Plan, der verfolgt wird. Und das in einer Klimakrise bei der kein Abwarten hilft wie bei Corona. Dabei wäre es so einfach: Die ganzen Baustellen führen sowieso zu eingeschränkter PKW-Mobilität – nach so einer Baustelle muss man die Flächen gleich an Fuß- und Radverkehr vergeben. Und auch Corona mit dem Radlverkaufsboom hätte nicht nur für 4 Monate Pop-Ups hergehalten, sondern gleich für die Umverteilung genutzt werden können. Beispiele aus anderen europäischen Metropolen gibt es zuhauf. 

Damit es schneller geht, brauchen wir immer noch den Druck der Straße. Je öfters und vielfältiger sichere und großzügige Radinfrastruktur gefordert werden, umso schneller bekommen wir sie auch. Meine Zeitreise ist immer die zum Jahresende 2025. Ist erstens das Zieldatum des Radentscheids und zweitens der Start des nächsten Kommunalwahlkampfs. 2025 wird die Stadt anders aussehen. Weniger Blech, mehr Grün – und vor allem eine große Anzahl an „alltagstauglichen“, sicheren, breiten und sichtbaren Radwegen. Ein Radwegenetz durch die ganze Stadt und die ersten Radschnellverbindungen ins Umland. Radinfrastruktur ist billiger und schneller gebaut als die Tunnels.

Radkolumne: Sonja, Du sitzt seit 2014 im Münchner Stadtrat und Du bist die Radlstadträtin. Das lässt sich nicht verheimlichen. Wie reagierst Du Bekanntenkreis, wenn sich jemand für 500 Meter hinters Lenkrad setzt?
Missionierung oder Schweigen?

Danke erstmal für die Blumen ,-) Persönlich radle ich aus ganz eigennützigen Gründen. Ich bin immer pünktlich, ich mach Sport an der frischen Luft und es ist super billig. Diese Bewegung geht mir im home office massiv ab. Wie reagiere ich im Bekanntenkreis. Hmm… eigentlich mit einem Zwischending. Sie wissen alle, dass ich alles radle und ohne Auto auskomme und ich frag schon mal nach, warum das Auto für kurze Strecken herhalten muss. Allerdings war mir bisher Harmonie im Privatleben immer zu wichtig, um einen Streit darüber anzufangen. Vielleicht wird das ein Vorsatz fürs Neue Jahr: Angesichts der Klimakrise Verhaltensänderungen vorzunehmen UND einzufordern.

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2 Gedanken zu „Radfahren in München

  1. Danke Bernd für dieses Interview mit einer „Amtsperson“, die auch noch selber radelt! Mit der Umsetzung von Radentscheidforderungen sieht es, wie hier in Kassel suboptimal aus, wenn die Damen und Herren Stadtpolitiker diesen Bereich abarbeiten! Respekt davor, daß Frau Haider das auch einräumt und Hut ab vor den kreativen Ideen für eine Umwidmung von Verkehrsraum in der „Nachcorona-Bauphase“. Das ist der richtige Ansatz! gruß bernd

    1. Oh je, keine einzige Politikerin oder Politiker in Kassel ist einigermaßen radaffin? Kann ich ja gar nicht glauben. .. Hmm, dann soll das Thema mal jemand persönlich nehmen, eine ordentliche Verkehrswende-Politik betreiben und damit Wählerinnen und Wähler überzeugen. Hat in München ja auch funktioniert. Die Zeit ist reif, denke ich.
      Grüße nach Kassel!

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