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Beste Autobahnfahrt ever

Radfahrer auf der Autobahn
Autobahn Frankfurt-Wiesbaden.

Ich liebe die Autobahn. Das sanfte Dahingleiten auf dem Asphalt. Das Winken der Menschen auf den Autobahnbrücken. Aber leider ist das Vergnügen einer Autobahnfahrt nur sporadisch und innerhalb großer Städte erlaubt. Doch am 28.8.2022 war es zum ersten Mal anders, da ging die Fahrt übers Land. 35 Kilometer von Frankfurt nach Wiesbaden. Ein Jubelbericht.

Start in Frankfurt am Messeturm

Los ging es vor dem Frankfurter Messeturm. Diesen Platz habe ich in bester Erinnerung, denn da fand 2019 eine grandiose Anti-IAA-Veranstaltung statt. Mit Bühne, Musik und Infoständen. Mit Essen und Trinken. Letzteres fehlte zwar, aber okay … wer öfter auf längeren Strecken mit dem Rad unterwegs ist, hat sich in der Regel mit Trinkflaschen versorgt.

Auf, auf … zur Autobahn!

Auf der Bühne am Messeturm wurden noch einmal die Forderungen des Radentscheids genannt. Am Rand der Veranstaltung hab ich mit der lokalen Fahrradprominenz plauschen dürfen. Man kennt sich über die Twitter-Fahrradbubble und im realen Leben über die Eurobike, die ja 2022 von Friedrichshafen nach Frankfurt umgezogen ist. Nach der Vereinigung der Frankfurter Radlerinnen und Radler mit den drei Zubringerfahrten aus dem Norden (Friedberg), Osten (Hanau) und Süden (Darmstadt) ging es dann los in Richtung Autobahn A 648. Diese sogenannte „Stadtautobahn“, beginnt zehn Fahrradminuten westlich vom Messeturm.

Wie viele wir beim Anradeln in Frankfurt waren? Nach meiner Schätzung etwa 3.000. Ich bin aus zwei Gründen relativ weit vorne gestartet. Erstens war ich mit meinem Klapprad unterwegs, und da falle ich bei höheren Geschwindigkeiten öfters mal zurück. Zweitens hab ich mich später auf der A 66 auf einer Brücke postiert und eine unabhängige Zählung durchgeführt. Ergebnis: 11.000 Menschen waren per Pedale unterwegs.

Fahrraddemo oder Spaßevent?

Fahrrad-Sternfahrt 2022

Amtlich war es eine Fahrraddemo. Das Ganze hatte zwar Volksfestcharakter, aber dafür wäre die heilige hessische Autobahn niemals freigegeben worden. Mit dabei waren viele Familien mit Kindern, mindestens ein Hochradfahrer und eine stattliche Anzahl an Menschen mit Lastenrad, Liegerad und Velomobil. Auf den ersten Kilometern hab ich auch noch ein Einrad und etliche Inline-Skater erspäht. Dieses Feld hat sich dann allerdings nach der Frankfurter Stadtgrenze etwas gelichtet.

Das Tempo

Torpedonabe
Torpedo Dreigangschaltung.

Weil viele Kinder unterwegs waren, war das Tempo eher gemütlich. Zum Glück, denn mein Klapprad hat zwar eine Torpedo-3-Gang-Nabe, aber für lange Strecken mit hoher Geschwindigkeit sind Klappräder nicht gebaut. Vor Wiesbaden gab es einige Abfahrten … und da muss ich jetzt was beichten: Ich hab mit dem Handy bei laufender Fahrt gefilmt, und zwar mit der Hand. Einhändig bin ich bergab dann mit meinem 16-Zoll-Klapprad ganz schön ins Schlingern geraten. Macht das nicht nach, filmt mit fest montierter Handyhalterung.

Soundbike-Check

Make some Noise! Soundbikes gehörten auf der Autobahnfahrt einfach dazu, schon um der Lärm jenseits des Mittelstreifens zu überdröhnen. Für den Radverkehr geöffnet war die Autobahn nämlich nur in der Richtung von Frankfurt nach Wiesbaden. Was an Musik geboten wurde: Ein fettes Soundbike lieferte Rage Against The Machine und Beastie Boys. Dazwischen fuhren einige Radler mit kleineren Bluetooth-Boxen und verbreiteten Bicyle Race von Queen (nicht mehr wirklich originell) und Autobahn von Kraftwerk (Yep, das musste an diesem Tag sein). Irgendwo hab ich auch noch YMCA von den Village People aufgeschnappt. Auf der Bühne in Wiesbaden trat dann noch jemand aus der Schlagerfraktion auf. Ich sag es mal so: Es waren insgesamt sehr viele unterschiedliche Musikstile vertreten, die beim Publikum auf unterschiedliche Resonanz stießen.

Auf dem Rastplatz

Ein einmaliges Erlebnis waren die Besuche auf den beiden Autobahnrastplätzen an der Strecke … vielleicht waren es auch mehr, aber ich bin bei zwei rausgefahren, bei Shell und Aral. Ich liebe einfach diese Trucker-Atmosphäre, dieses „ich komme von hier und ich fahre nach da“. Wie in so einem Spaghettiwestern. Da komme ich ins Träumen. Die Radkolumne träumt von breiten Radschnellwegen mit großen Rastplätzen. Mit Cafe, Werkstatt und Ratel (Radhotel). Die Radkolumne träumt von einem Spritpeis von 5 Euro und einer Obergrenze von 5 Millionen Elektroautos.

Klapprad an Zapfsäule
Die Radkolumne auf dem Rastplatz.

Verkehrswende – das Volksbegehren

Unterschriften auf Lastenrad
70.232 Unterschriften für den Radentscheid Hessen.

Raus aus den Träumen, rein in die Realität. Die Verkehrswende kommt von unten oder gar nicht … genau deswegen gibt es ja die Radentscheide. Und genau deshalb führte die Demo in die Landeshauptstadt nach Wiesbaden. Auf einer Festivalbühne nahm der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) förmlich die Unterschriften für den Radentscheid entgegen. Dazu ein paar Hintergrundinfos.

Radentscheid = Direkte Demokratie

Demokratie nach Schweizer Art, nämlich direkte Demokratie, gibt es auf kommunaler und auf Länderebene auch in Deutschland. Über das Instrument des Volksbegehrens haben Stimmberechtigte die Möglichkeit, einen verfassungsgemäßen Gesetzentwurf direkt in ein Parlament einzubringen. Zuvor muss dem zuständigen kommunalen oder Landeswahlleiter eine bestimmte Anzahl gültiger Unterschriften gebracht werden. In Hessen sind das 1 Prozent aller Stimmberechtigen oder knapp 44.000 Unterschriften. Beim Radentscheid Hessen wurde das Soll locker erfüllt. 70.232 Unterschriften kamen zusammen und wurden von Fabian Berger mit seinem Lastenrad zur hessischen Regierung transportiert.

Bernd Schmitt und Fabian Berger
Bernd Schmitt (Radkolumne) und Fabian Berger (VELOAD).

Volksbegehren – die nächste Hürde

In Hessen wurde die 1-Prozent-Hürde locker genommen. Allerdings sind 1 Prozent eine sehr schmale Basis und deshalb hat der Gesetzgeber einige weitere Hürden für ein Volksbegehren vorgesehen. Nach der erfolgreichen Prüfung der Unterschriften auf ihre Gültigkeit zündet die nächste Stufe: Innerhalb einer Frist von sechs Monaten müssen fünf Prozent der stimmberechtigten Hessen ihren Namen unter das Begehren setzen. Die Unterschriftensammlung findet dann nicht mehr auf der Straße statt, sondern in den Amtsstuben: In den Rathäusern liegen Listen zur Eintragung aus. Sobald auch diese Hürde genommen wurde, in Hessen sind dazu knapp 219.000 Unterschriften notwendig, muss sich der Landtag in Wiesbaden mit dem Gesetzentwurf befassen. Falls der Landtag zustimmt, ist das Gesetz angenommen. Allerdings regiert in Hessen zur Zeit eine Koalition aus den Grünen und der CDU. Ob letztere die Verkehrswende will, ist fraglich.

Vom Volksbegehren zum Volksentscheid

Lehnt das Parlament den Gesetzentwurf ab, so bleibt den Initiatorinnen und Initiatoren noch die Möglichkeit des Volksentscheids. Dieser Volksentscheid wird dann wie eine Wahl an einem bestimmen Tag durchgeführt, in der Regel einem Sonn- oder Feiertag. Auch hier gibt es wieder eine Hürde zu beachten: mindestens 25 % der Wahlberechtigten müssen in Hessen mit Ja gestimmt haben und sie müssen natürlich auch die Mehrheit erzielt haben. Im hessischen Wahlgesetz heißt es dazu:

Ein zur Abstimmung gestellter Gesetzentwurf ist angenommen, wenn die Mehrheit der Abstimmenden, dem Gesetzentwurf zugestimmt hat. Die Mehrheit der Abstimmenden muss mindestens ein Viertel der Stimmberechtigen sein.

Hessissches Wahlgesetz

Die Gegner der Verkehrswende

Das soll nicht unerwähnt bleiben: Die Gegner der Verkehrswende, die Lordsiegelbewahrer der heiligen Autobahn, kämpften im Vorfeld der Fahrt mit harten juristischen Bandagen. Die bundeseigene Autobahn GmbH hatte bis kurz vor dem Start noch gegen die Freigabe der Autobahn für die Fahrraddemo geklagt. Zum Glück wurden ihre Klagen vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden und dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel abgeschmettert. Allerdings musste ein kleines Zugeständnis gemacht werden, denn ursprünglich waren etwas längere Pausenzeiten auf den Rastplätzen geplant. Den Spaß hat sich die Fahrraddemo trotzdem nicht nehmen lassen. Die Methusalems unter den Radkolumne-Lesern erinnern sich: Es war ein bisschen wie 1973, bei den vier grandiosen autofreien Sonntagen während der Ölkrise.

Radentscheid Bayern

ADFC Bayern. Die Vorsitzende Bernadette Felsch.

Radentscheide auf Landesebene gibt es in den Flächenstaaten bisher in NRW und Hessen – und bald auch in Bayern. Eine bayerische Delegation startete um 7:00 in Aschaffenburg, um sich dem Zubringer aus Hanau anzuschließen und die gesamte Strecke von Frankfurt nach Wiesbaden mitzuradeln. Auf dem Festival in Wiesbaden übernahm die sportliche Gruppe den Staffelstab für den Radentscheid Bayern. Die bayerische ADFC-Vorsitzende Berndadette Felsch hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Verkehrswende auch im Süden voranzubringen. Sie leitet das bayerische Radentscheid-Team, ihr Stellvertreter ist Prof. Andreas Kagermeier vom VCD Bayern.

Unterschriften für den Radentscheid Bayern

Radkolumne und bayerischer Löwe
Radkolumne und bayerischer Löwe.

Für den Radentscheid Bayern werden seit Juni 2022 Unterschriften gesammelt. Die wichtigsten Forderungen sind in Bayern und Hessen gleich: Ein Radgesetz muss her, das die Zuständigkeiten regelt und Standards für die Fahrrad-Infrastruktur festschreibt. Radwege sollen breit, sicher und möglichst kreuzungsfrei geführt werden. Schließlich wollen auch Familien mit Lastenrädern und Kinderanhängern oder körperliche eingeschränkte Menschen mit Spezialrädern bequem von A nach B fahren. Weitere Forderungen des Radentscheids sind Verbesserungen der Radabstellplätze und die erleichterte Fahrradmitnahme in Bus und Bahn.

Getragen wird der Radentscheid Bayern von einem breiten Bündnis. Mit im Boot sind der ADFC Bayern, der VCD Bayern und 11 kommunale bayerischen Radentscheide (Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Erlangen, Freising, München, Nürnberg, Neu-Ulm, Regensburg, Rosenheim, Würzburg). Unterstützung gibt es vom Bund Naturschutz und fünf Landesverbänden dieser Parteien: Grünen, SPD, ÖDP, Linke und Volt.

Beobachtung am Rand: Ursprünglich hatte der Radentscheid Bayern einen radfahrenden König Ludwig mit Schwimmflügeln als Maskottchen. Jetzt ist da ein Löwe und hat den Ludwig gefressen. Das ist auch besser so, denn für Begeisterung hat der König in keinem politischen Lager gesorgt. Progressive identifizieren sich generell nicht mit Königen und die bayerischen Royalisten, Gendern ist hier überflüssig, wollen ihr Idol nicht in Schwimmflügeln sehen.

Begeisterung für Photovoltaik

Cargobike mit Solarmodul
Cargobike mit Solarmodul.

Auch Technikfans kamen bei der Fahrraddemo auf ihre Kosten. Im Trend lagen Solarmodule aller Art: auf Lastenrädern mit Muskel- und E-Antrieb, aber auch als Anbau oder Anhänger von gewöhnlichen Fahrrädern. Ein guter Trend, weil ja die fossilen Energien zur Neige gehen und deren Verbrennung sich aufs Klima auswirkt. Die Lösung: Erneuerbare Energien und Energiesparen.
Je nach Anzahl der angebrachten Solarmodule ist es möglich, in der der Ebene ein E-Lastenrad autark zu fahren. Der Sonnenstrom wird dann direkt in den Motor eingespeist. Wer sich näher für Photovoltaik interessiert: hier geht es zum Beitrag über ein Solar-Ebike.

Die Tretharley-Fraktion

Aufgemotztes Fahrrad
Tretharley auf dem Festivalgelände.

In Wiesbaden war auch eine kleine Gruppe von Radrockern vertreten. Sie selbst sagen Tretharleys zu ihren augemotzten Maschinen. Manche tragen auch Kutte, wie zum Beispiel die Fulle Ridaz aus Kassel.

Velomobil-Parade

Velomobile
Velomobile.

Auch die Velomobile gehören zu jeder Fahrraddemo und erst zu jeder Autobahnfahrt. Die Velomobil-Parade hab ich beim Start in Frankfurt geknipst.

Autobahnen zu Radschnellwegen!

Es ist so schade, dass auf Autobahnen immer nur Autos fahren dürfen. Da fordert die Radkolumne jetzt Gleichberechtigung. Schließlich fahren auf 99% der Fahrradstraßen auch Autos.
Besser sind natürlich Radschnellwege, auch für die Wirtschaft. Wie sollen denn zum Beispiel Dienstleister sich und Ihre Werkzeuge zu Kundinnen und Kunden vor Ort bringen, wenn nicht per Lastenrad oder E-Lastenrad. Aber bitte nicht auf Feld- , Wald- und Wiesenwegen!

Die Rückfahrt

Klapprad vor Brunnen
Das Klapprad der Radkolumne.

Hey, radelst du mit zurück nach Frankfurt? Das wurde ich von einer Gruppe in Wiesbaden gefragt und als Radkolumne-Mensch hab ich mich da nicht lumpen lassen und gab der S-Bahn einen Korb. Was ich nicht bedacht hatte: Hinwärts ging es bequem 35 Kilometer über die Autobahn, rückwärts aber über parallele Straßen und Wege, verbunden mit vielen kleinen Steigungen, geschätzte 50 Kilometer. Was mein Elend noch vergrößerte: Der Rest der Gruppe war eher sportlich unterwegs und musste öfter auf mich warte. Ich gebe zu: Ich hab den Verkehr aufgehalten.

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