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Verkehrswende auf dem Land

Radweg als Feldweg
Verkehrswende auf dem Land.

Verkehrswende auf dem Land ist wie Hochsprung mit Gewichten an den Füßen. Manche wagen es trotzdem. Zum Beispiel die Initiative geRADeWEGs, die sich für eine Fahrrad-Vernetzung von Dörfern im Landkreis Gotha engagiert. Die Radkolumne hat der Sprecherin Dagmar Thume fünf Fragen per E-Mail gestellt. Die Antworten:

Frau Thume, Ihre Initiative engagiert sich für ein Radwegenetz auf dem Land. Worin sehen Sie die Chancen für ein solches Projekt?

In der Stadtentwicklung gibt es das Thema der „15-Minuten Stadt“. Dabei geht es darum, dass alle Dinge des täglichen Bedarfs innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder per Rad erreichbar sind. Und das lässt sich auch auf dörfliche Gegenden übertragen. Wir wollen ein „15-Minuten ProvinzNETZ“ aus unseren sechs Provinznestern knüpfen und damit überhaupt erst mal Fuß-, Rad- und auch Rollstuhlverkehr zu den Nachbardörfern ermöglichen.

  • Dann kann die Jugend selbständig in die Schule, zum Verein, zu den Freunden usw. und die Eltern sind bei der „Kinderlogistik“ entlastet.
  • Besonders wenn man nicht täglich mit dem Auto unterwegs ist, z.B. weil man im Homeoffice arbeitet, schätzt man die Möglichkeit, den Weg zum Bäcker auch mal mit aktiver Bewegung zurücklegen zu können.
  • Die kleine Autowerkstatt kann Leihräder als Ersatzmobilität anbieten.
  • Arbeitsplätze, die sich per Rad erreichen lassen, sind auch auf dem Land attraktiver.
  • Der Arzt zieht mit seiner Familie dann auch eher aufs Dorf.

Die Ermöglichung aktiver Mobilität, nicht nur zwischen Dorf A und Dorf B, sondern in einer ganzen dörflichen Region könnte noch viel mehr bewirken als „nur“ eine Verkehrswende. Vernetzung durch Radwege könnte ein Impuls für eine bessere Entwicklung in der ganzen Region sein. Es ist eigentlich schon bezeichnend, dass sich diese gar nicht so innovativ erscheinende Idee bei uns, wenn überhaupt, nur als Modellvorhaben umsetzen lässt. Für die Entwicklung von Rad-Netzen zwischen Dörfern besteht in den jetzigen Strukturen ein DILEMMA. Dieses lässt sich zwar in einem Satz zusammenfassen – aber in einem sehr langen:

In REGIONEN,
– in denen es bisher kaum Fuß-, Rad- oder Rollstuhl-Verkehr zu Einrichtungen des täglichen Bedarfs, zu Sport, Kultur und Freunden in die Nachbarorte geben konnte
– und sich deshalb keine „Kultur der aktiven Mobilität“ entwickelt hat,
– aus der dann politischer Veränderungsdruck entstehen würde,

müssen sich benachbarte ländliche KOMMUNEN,
– bei denen der Radverkehr nicht zu den Pflichtaufgaben gehört,
– die z.T. in größeren Landgemeinden eingebunden sind
– und unterschiedlichen Verwaltungseinheiten angehören,
– die häufig kein Budget für die erforderlichen Eigenmittel haben und
– diese auch – anders als Städte – nicht aus Anliegerbeiträgen refinanzieren können,

durch Initiative der oft ehrenamtlich tätigen BÜRGERMEISTER,
– über Partei- und Verwaltungsgrenzen hinweg zusammenschließen,
– um Planungskalkulationen vorzubereiten
– damit später ohne ausreichende personelle Kapazitäten,

aus wenig bekannten und selten auf den ländlichen Raum zugeschnittenen unterschiedlichen FÖRDERPROGRAMMEN,
– sehr zeitaufwändig und
– in meist sehr engen Fristen Finanzmittel beantragt werden können,
– deren Bewilligung unsicher ist.

Gerade deshalb werden jetzt Vorbilder gebraucht, denen es gelungen ist, diese Hemmnisse zu überwinden!

Welche Erfahrungen haben Sie als Initiative mit den Politikerinnen und Politikern? Finden Sie da überhaupt Gehör?

Ja, wir stoßen auf große Zustimmung! Das ist ja auch kein Wunder, denn auf dem Land gibt es kaum Grund für Widerstände gegen Radwege. Dennoch verstehen wir nicht wirklich, warum sich die Diskussion für bessere Mobilität in dörflichen Regionen weitestgehend nur um bessere Angebote beim ÖPNV dreht.
Wenn die Politikerinnen und Politiker das Thema Radverkehr, und damit auch die Ermöglichung von Fußverkehr zwischen den Dörfern außer Acht lassen, dann verpassen sie eine große Chance. Und in Dörfern leben nicht nur alte und gebrechliche Leute, wie es in der Öffentlichkeit manchmal den Anschein hat und selbst die freuen sich über neue Bewegungsmöglichkeiten.

Wir haben inzwischen Kontakte zu Politikerinnen und Politikern von ganz unten bis ziemlich weit oben.

Mit den Vertretern in den Gemeinden haben wir uns schon von Anfang an gut zusammengeschlossen. Sie schätzen auch die Unterstützung durch unsere Bürgerinitiative. Aber die Dörfer sind nicht in der Lage, die für Förderprogramme notwendigen Eigenanteile aufzubringen, weshalb wir um Übernahme durch das Land bitten müssen.

Radregion Landkreis Gotha
Radregion Landkreis Gotha

In dem glaubhaften Bemühen, eine Lösung für unsere Finanzierungsprobleme zu finden, hat uns ins Landesministerium beispielsweise ein sehr hoher Staatsbeamter eingeladen und auch noch Vertreter aus seinen vielen Abteilungen dazu geholt. Nachdem dann alle Sachbearbeiter reihum keine Lösungsansätze nennen konnten, blieb ihm dann im Wesentlichen der Tipp, wir mögen ein eingetragener Verein werden, der dann Spendengelder einwerben kann. Jetzt haben wir auch noch ein weiteres Ministerium mit ins Boot geholt und vielleicht finden beide zusammen eine Lösung.

Dem Bund (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) konnten wir aufzeigen, dass für unser Vorhaben die Festlegungen im Sonderprogramm Stadt Land für den ländlichen Wegebau hinderlich sind und somit haben wir vielleicht auch einen ganz kleinen Anteil daran, dass es da auch noch mal nach Bemühungen des Deutschen Landkreistages eine Klarstellung zu diesem Förderprogramm gegeben hat.

Die Politiker beschäftigen sich mit so vielen Themen, dass sie dabei auch immer nur an der Oberfläche bleiben können. Lücken bei der formellen Umsetzung ihrer politischen Vorhaben z.B. in Förderprogrammen werden viel zu wenig thematisiert und deshalb auch nicht behoben. Wer schaut sich denn mal an, wo die Gelder hinfließen und wohin eben nicht? … und warum die strukturschwachen Dörfer nicht in der Lage sind, solche Investitionen anzustoßen. Zudem fehlt m.E. der generelle und Resort-unabhängige Überblick über die vielen verschiedenen Töpfe mit ganz unterschiedlichen Zielstellungen. Öffentlich wird oft gefragt, ob wir ein Föderalismus-Problem haben. Mit einem Augenzwinkern wäre meine Meinung:

Wir haben ein FÖRDERALISMUS-PROBLEM!

Was ist Ihre dringlichste Forderung?

Nutzen wir die Zeit, in der unser Leuchtturmprojekt umgesetzt wird – was wir immer noch ganz sehr hoffen – um möglichst alle Dörfer finanziell und personell so zu ertüchtigen, dass sie sich aus eigener Kraft um den Radverkehr in ihrer Region kümmern können.

Wenn das „15-Minuten ProvinzNETZ“ eine Strahlkraft entwickelt, dann werden die Menschen hoffentlich überall im Land vergleichbare Veränderungen für Ihre Dörfer einfordern. Dann rückt das angestrebte flächendeckende Radwegenetz in Deutschland näher.

Wie sieht die ideale Fahrrad-Verbindung zwischen zwei Dörfern aus? Sollten dafür neue Wege angelegt werden? Und wie ist das mit der Beleuchtung und der Sicherheit?

Alltagsradwege sollen „geRADeWEGs“ verlaufen und deshalb beschreibt der Name unserer Bürgerinitiative unser Ziel schon ganz gut. Im trockenen Jahr 2018 sind wir auf Suche nach möglichen Wegen über die Felder gestreift und haben uns Katasterpläne angesehen. Daraus sind Vorschläge entstanden, welche jetzt zumindest hinsichtlich der konkreten Weg-Ideen auch in das neue Radverkehrskonzept des Landkreises mit einfließen.

In unserem Projekt schlagen wir Wegstrecken vor, die meist im Gemeindebesitz sind und z.T. derzeit als landwirtschaftliche Wege genutzt werden. Das sind meist direktere und sichere Verbindungen als straßenbegleitende Wege.

Über deren Beleuchtung haben wir uns bisher noch nicht getraut nachzudenken, denn dazu bräuchten wir erst mal eine realistische Hoffnung, dass unser Projekt tatsächlich umgesetzt wird.

Welche Rolle spielen die Einkaufsmöglichkeiten für die Verkehrswende auf dem Land?

Ich denke man muss die Realitäten als Chance nutzen. Onlinehandel ist einfach ein Fakt und auf dem Land ist man gewohnt, den großen Wochenendeinkauf mit dem Auto in der nächsten Stadt zu erledigen.

Aber wir haben den kleinen genossenschaftlichen Supermarkt im Nachbardorf für die kleinen Dinge, die man zwischendurch doch noch mal braucht. In der anderen Richtung gibt es den Friseur und die Kosmetikerin. Im nächsten Dorf kann man Bachwaren kaufen. Auch Gaststätten und KFZ-Reparaturbetriebe usw. sind gut in der dörflichen Nachbarschaft erreichbar.

Bisher fährt man mit ÖPNV und PKW meist nur durch das Nachbardorf hindurch in die nächste Stadt. Denn motorisiert ist dieses Zentrum dann auch nicht so weit entfernt. Mit Radwegen könnte der Nahraum wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Aber das Leben besteht doch nicht nur aus Arbeit und Einkaufen, was oft vergessen wird. Radverkehr auf dem Land kann die Situation besonders für Kinder und Jugendliche total verbessern. Sie bekämen die Chance für selbstbestimmte Mobilität. Wenn man im Homeoffice arbeitet, dann braucht man derzeit den Familien-Zweit-PKW hauptsächlich für das Transportieren der Kinder z.B. zu Sport, Freunden usw. (Die aktuell diskutierte Anhebung der Pendlerpauschale bei steigenden Benzinpreisen greift da übrigens viel zu kurz.)

Eigentlich wäre Radverkehr auf dem Land ein wichtiges Aufgabenfeld der Familienpolitik, um Teilhabe zu ermöglichen. Und die Gesundheitspolitik müsste unser Anliegen auch unterstützen, denn ich habe mal gelesen, dass die Kinder in den Dörfern noch schneller dick werden als in der Stadt. Und ich fürchte die Erwachsenen auch!

Darf ich noch einen Wunsch äußern? Auch wenn es aktuell von den Menschen aus ländlichen Regionen noch nicht so viel Druck und Bemühen für bessere Radinfrastruktur gibt: Liebe Interessenvertreter der Radfahrer und Radfahrerinnen (ADFC, VCD, AGFK, Radkolumne, etc.)!

Bitte setzt euch auch für dörfliche Regionen ein! Das hilft dann auch den Zentren!

Dagmar Thume

BITTE SETZT EUCH AUCH FÜR DÖRFLICHE REGIONEN EIN! Das hilft dann auch den Zentren! Erst wenn es Möglichkeiten für aktive Mobilität gibt, können sich die Menschen in den Dörfern bei Aktionen wie „Mit dem Fahrrad zur Arbeit“ oder „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ auch angesprochen fühlen. Und wenn dann hoffentlich viele Rad-Netz-Regionen unserem Beispiel gefolgt sind, dann organisieren wir nach dem Vorbild von „Städteradeln“ mal zur Abwechslung ein „Dörferradeln“. 😉

Vielen Dank Frau Thumefür die ausführliche Beantwortung der Fragen und die „Hausaufgaben“ für die Fahrrad-Lobby. 😉

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