Climatical Mass

Climatical Mass: Radfahren in Hmaburg
In Hamburg startet die Climatical Mass.

Am 5.7.2019 startet in Hamburg die Climatical Mass. Co-Organisator Stefan Müller im Interview mit der Radkolumne.

Stefan, erzähl mal was über die Hamburger Rad-Verhältnisse. Was hat sich getan?

Ich wohne seit vier Jahren in Hamburg. Seitdem hat die Vielfalt der für’s Fahrrad vorgesehenen Wege abgenommen. Die viel zu schmalen, zugewachsenen und gefährlich unübersichtlichen Radwege wurden durch nicht weniger abenteuerliche Radfahrstreifen auf der Fahrbahn ersetzt. In Kreuzungsbereichen sind chaotische Fahrbahnmarkierungen entstanden. Insgesamt sehe ich die Entwicklung aber trotzdem positiv und gebe zu, dass mir Radfahren in Hamburg immer mehr Spaß macht. Mein persönliches Highlight war, als die Fahrbahn meiner Pendlerstrecke saniert wurde. Nichts geht über eine frisch geteerte Straße!

Du organisierst die Climatical Mass. Was heißt das?

Ich sehe mich eher als Ideengeber. Der Name entstand aus dem Wunsch heraus, dass die Fridays For Future – Bewegung in Hamburg offensiver die Verkehrswende in Hamburg vorantreiben könnte. Wer weniger Elterntaxis und SUVs fordert, muss konsequenterweise so viel wie möglich auf’s Rad steigen. Ich erhoffe mir nicht weniger, als dass das Fahrrad bei den Hamburger SchülerInnen zum ersten Verkehrsmittel wird!

Wo liegt der Unterschied zur Critical Mass?

Wir haben uns bewusst dazu entschieden, möglichst viele Parallelen zur klassischen Critical Mass zu setzen, da sie ein bewährtes Konzept mit einem gewissen Bekanntheitsgrad ist. So treffen wir uns auch an einem Freitag um 19 Uhr – an einem bewährten Platz, den man auch mit den Öffis gut erreichen kann. Route und Endpunkt werden ebenso spontan an der Spitze entschieden. Der eigentliche Unterschied zur Critical Mass besteht darin, dass wir inhaltlich den Fokus auf die Verringerung des motorisierten Individualverkehrs legen. Damit stellen wir eine konkrete politische Forderung und laden auch offensiv Parteien und Gruppen ein, mitzufahren. Die Critical Mass Hamburg bemüht sich hingegen um politische Neutralität und spricht damit ein breiteres gesellschaftliches Spektrum an als die Climatical Mass.

Wie sieht dein persönlicher Verkehrsmix aus? Bist du Fundamentalist?

Die meisten Kilometer lege ich tatsächlich mit dem Fahrrad zurück. Ich brauche schon meine tägliche Dosis von mindestens 20 Kilometern. Meine Frau schickt mich manchmal einfach so los zum Radfahren, damit sie mich wieder ertragen kann. Im Moment übe ich mich darin, vom Fundamentalisten zu einem friedfertigeren Radler zu werden. Ich fühle mich durch die Kampagne ‚Hamburg gibt 8‘ dazu ermutigt, zuerst mein eigenes Verhalten im Straßenverkehr zu reflektieren und es somit für alle Beteiligten weniger stressig werden zu lassen. Radfahren soll Spaß machen und darf nicht tödlich sein.
Ich erfreue mich auch zunehmend an den Modernisierungen und Erweiterungen des ÖPNV oder nutze ab und an das tolle neue Lastenpedelec von StadtRad!

Jetzt mal ehrlich, fährst du auch Auto?

Mit dem eigenen Auto durch die staugeplagte Großstadt Hamburg zu eiern halte ich für die dämlichste Form der Fortbewegung. Deshalb sind wir auch gerade dabei, unser Auto zu verkaufen. Zur Geburt unseres Sohnes war es ganz angenehm, die Verwandschaft auf dem Lande mit dem Auto anzusteuern. Wenn ich mir allerdings den Innenstadtverkehr im Auto antue, werde ich zum Tier und lege all die Verhaltensmuster an den Tag, über die ich mich sonst als Radfahrer bei den Autofahrern aufrege. Der einzige Vorteil des Autofahrens ist für mich der Perspektivwechsel und die damit einhergehende Demut gegenüber der oft unübersichtlichen Verkehrslage: In meiner isolierten Wutkapsel hatte ich schon öfter mal fast ein Fahrrad auf die Haube genommen.

Wie sieht für dich die perfekte Verkehrsinfrastruktur aus?

Ich merke an mir selbst, dass Stress in Verbindung mit der Teilnahme am Straßenverkehr ein großes Unfallrisiko birgt. Somit sind in meiner Utopie die Stressfaktoren aller Beteiligten durch konkrete Maßnahmen verschwunden. Die Anzahl der Autos sinkt soweit, dass man es nicht mehr nötig hat, durch gefährliches Parken Fußgänger, Radfahrer, Müllwagen und Rettungskräfte zu behindern. Fahrradfahrende fühlen sich sicher auf der Fahrbahn und kommen flott voran, ohne von Baumwurzeln oder Geisterradlern ausgebremst zu werden. Es macht wieder Spaß, zu Fuß durch sein Viertel zu schlendern, weil man in autofreien Zonen seine Kinder sorgenfrei herumlaufen lassen kann. Die Auswirkungen der Klimakrise werden eingedämmt, indem man die Stadt wieder atmen lässt durch großzügige Alleen, die für frische Abkühlung sorgen.

Wann und wo startet die Climatical Mass und was muss ich wissen, wenn ich mitmachen möchte?

Zu unserer fahrradfreundlichen Stadtrundfahrt treffen wir uns am Freitag, den 5. Juli ab 19 Uhr auf der Moorweide am S-Bahnhof Dammtor vor dem Zirkus Roncalli. Ich werde mir wohl etwas Popcorn mitnehmen, weil sich aus dem Zelt ein gewisser Duft über die Wiese verbreitet. Gegen 19.30 Uhr wird wild geklingelt und wir bewegen uns gemeinsam auf die breite Straße.

Wer das erste Mal bei solch einer Fahrt dabei ist, schwimmt am bestern einfach entspannt in der Masse mit. Lass dich nicht von Pöbeleien provozieren, verzichte auf riskante Fahrmanöver, trinke genug Wasser und fühle dich frei, nach deinen Kräften eine Pause einzulegen oder die Fahrt jederzeit zu beenden. Für Nachzügler ist die App ‚CriticalMaps‘ hilfreich, um uns schnell zu finden.

Stefan Müller, Climatical Mass Hamburg

Bei der Climatical Mass treffen sich viele Radfahrbegeisterte zu einer Stadtrundfahrt, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen für die nötige Eindämmung des Autoverkehrs.
Freitag 5.7.19 – Moorweide Hamburg – 19 Uhr.

Twitter: www.twitter.com/climaticalmass
Telegram: t.me/climaticalmass
Hashtag: #GretaThanCars



4 Gedanken zu „Climatical Mass

  1. Hallo. Tolle Sache.
    Ich habe eine Frage. Ist die climaticalMass ebenso wie die criticalMass nicht bei der Versammlungsbehörde angemeldet?

    1. Ich nehme es jetzt einfach mal an, dass es angemeldet ist. Obwohl ja eigentlich nicht nach der Straßenverkehrsordnung nötig, da steht ja in § 27 über Verbände: „Mehr als 15 Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.“

      1. Da es dem Artikel nach ausdrücklich um politische Forderungen geht, handelt es sich um eine Versammlung i. S. Des Versammlungsgesetzes und müsste als solche angemeldet werden.
        Genau das ist der Grund, weshalb die criticalMass eben gerade keine Forderungen stellt und unpolitisch ist.

        1. Okay, jetzt hab ich wieder was dazu gelernt. Fahren im Verband „einfach so“ ist was anders als Fahren mit Transparenten und Forderungen. Dann gehe ich davon aus, dass die Veranstaltung angemeldet ist. By the way: viele unpolitische CriticalMass-Veranstaltungen werden ja trotzdem von der Polizei begleitet.

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