Es ist eine fiese Falle, in die wir, die bevorzugt mit dem Fahrrad unterwegs sind, bei verkehrspolitischen Diskussionen tappen können: die aufgezwungene Moralkeule. Es wird uns unterstellt, wir würden uns als bessere Menschen betrachten und alle Autofahrer als Geißel der Menschheit. Unser Anspruch wäre es, umweht vom Duft der Tugend, mit jedem Tritt in die Pedale das Klima retten. Auf der Fahrt zur Arbeitsstelle bergen wir dann noch nebenbei kleine Vögel aus brennenden Nestern. Wer Fahrrad fährt, so die Moralkeulen-Falle, sieht sich selbst moralisch überlegen – und muss dann in allen Fragen des Lebens die Mutter Theresa und den Ghandi machen. Wer sich diesem Maßstab verweigert, hat dann auch kein Recht auf eine gute Infrastruktur.
Rücksicht ist keine Frage des Verkehrsmittels
Die Idee von der moralischen Überlegenheit speist sich aus dieser Tatsache: Wer strampelt, schadet der Umwelt weniger, wer aufs Gaspedal drückt, schadet mehr. Das ist in der Tendenz richtig, aber daraus eine Charakterfrage zu machen, geht nach hinten los.
Wer mit dem Fahrrad fährt, ist zwar hoffentlich aus Überlebensgründen umsichtig, aber nicht automatisch auch rücksichtsvoll und freundlich, auch nicht seinen „Artgenossen“ gegenüber. Rücksicht lässt sich nicht am Fortbewegungsmittel festmachen.
Das eigentliche Problem: Betriebsgefahr
Der entscheidende Punkt liegt woanders. Es geht nicht um die moralische Qualität der Verkehrsteilnehmer, sondern um das Risiko, das von ihrem Verhalten ausgeht. Und hier wird der Unterschied zwischen Fahrrad und Auto sehr konkret.
Ein Fahrrad kann nerven, erschrecken und auch verletzen. Ein Auto bringt aber grundsätzlich eine höhere Betriebsgefahr mit sich. Masse, Geschwindigkeit und kinetische Energie machen den Unterschied. Wer in einem Fahrzeug sitzt, das mehrere Tonnen wiegt und mit hoher Geschwindigkeit bewegt wird, trägt eine ganz andere Verantwortung als jemand, der auf einem 15-Kilo-Rad unterwegs ist. Diese schlichte physikalische Realität lässt sich nicht wegzaubern.
Das bedeutet nicht, dass Radfahrerinnen und Radfahrer über der Straßenverkehrsordung stehen. Es bedeutet nur, dass die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens in der Regel deutlich geringer sind. Der Schaden, der entstehen kann, ist im Vergleich zum Auto geringer.
Die bequeme Moralkeule
Die Erzählung vom „besseren Menschen“ erfüllt eine praktische Funktion. Sie führt weg von den wichtigen Ansätzen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit, nämlich der vernünftigen Verkehrplanung. Die Gestaltung des Straßenraums, die Infrastruktur, das Fahrzeugdesign und die Regelwerke spielen eine wesentlich größere Rolle als die Frage, ob jemand innerlich ein guter Mensch ist.
Verantwortung statt Selbstgerechtigkeit
Wer ein Auto fährt, sollte sich bewusst sein, dass er ein potenziell gefährliches Gerät bedient. Wer Fahrrad fährt, sollte sich nicht in der Illusion wiegen, automatisch auf der richtigen Seite zu stehen. Und immer gilt: Je größer das Gefährdungspotenzial, desto größer die Verantwortung. Ein rücksichtsloser Radfahrer ist ein Problem, ein rücksichtsloser Autofahrer ist ein erheblich größeres.
Weniger Pathos, mehr Realität
Radfahrerinnen und Radfahrer sind nicht die besseren Menschen. Sie sind auch nicht die schlechteren. Sie sind nur Teil eines Verkehrssystems, in dem unterschiedliche Mittel unterschiedliche Risiken erzeugen. Die Legende vom moralisch überlegenen Radfahrer nervt.
