
Ein Fahrrad ermöglicht Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe. Für jeden Geldbeutel und jedes Alter. Das trifft aber nicht auf alle zu, denn mit körperlichen Einschränkungen fährt es sich nicht so einfach auf zwei Rädern. Doch nicht nur die Menschen sind unterschiedlich, die Fahrräder sind es auch. Ich hab mich auf der größten Fahrradmesse der Welt nach Spezialrädern umgesehen, der Eurobike in Frankfurt.
Van Raam

Der bekannteste Hersteller von Spezialrädern heißt Van Raam und kommt, wer hätte es gedacht, aus den Niederlanden. Ich hab mich ein bisschen am Messestand unterhalten. Mit dem Modell Easy Rider möchte Van Raam ein bisschen weg vom reinen Reha-Image und verschiedene Gruppen ansprechen, zum Beispiel Seniorinnen und Senioren. Dabei soll auch das Lebensgefühl von Freiheit und Abenteuer vermittelt werden.
Der Easy Rider

Drei Räder sind stabiler als zwei. Der Easy Rider von Van Raam ist ein Dreirad für Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht oder der Stabilität auf einem normalen Fahrrad haben. Zu den Vorteilen gehören ein bequemer Sitz mit Rückenunterstützung, ein tiefer Einstieg, eine gute Manövrierfähigkeit durch einen kleinen Wendekreis und die Möglichkeit, eine elektrische Tretunterstützung zu nutzen. Außerdem ist der Rahmen gefedert, was die Belastung von Rücken, Nacken, Schultern und Handgelenken reduziert. Tipp: Ganz billig sind diese Fahrzeuge nicht. Es ist kein Fehler, vor einem Kauf mal ein Van Raam oder ein anderes Reha-Bike zu mieten und ausprobieren.
Das Huka-Paralleltandem Orthros

Das Parallel-Tandem Orthros stammt vom ebenfalls niederländischen Hersteller Huka. Es ermöglicht gemeinsames Radfahren in aufrechter Position. Das Orthros bietet die Möglichkeit, den Beifahrer aktiv, passiv oder gar nicht treten zu lassen. Der Beifahrersitz ist drehbar, was das Ein- und Aussteigen erleichtert. Das Orthros kann an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden, zum Beispiel mit Fußstützen, Armlehnen oder speziellen Sitzpolstern. Was dieses Tandem so besonders macht: Augenkontakt und Gespräche sind ohne besondere Anstrengung sind möglich – im Gegensatz zu Tandems, bei denen die Fahrer hintereinander sitzen. Ein Nachteil kann allerdings die Breite sein, besonders auf schmalen Radwegen.
Rollator mit E-Antrieb: der E-Hiker
Was ist das? Der E-Hiker, ein Wandergefährte mit Elektro-Antrieb. Dieser Rollator erweitert den Aktionsradius. Er ermöglicht die Fortbewegung auf schwierigem Gelände, zum Beispiel auf nicht asphaltierten Wanderwegen. Dank der großen Reifen können auch kleinere Hindernisse überwunden werden. Der Gurt kann auch auf dem Rücken gelegt werden, der E-Hiker schiebt dich dann sanft von hinten an. Die Winkel der Griffe können individuell angepasst werde, was Ermüdungserscheinungen und Überlastungen vorbeugt. Und auch die Höhe der Griffe ist verstellbar.

Weitere Hersteller von Reha-Bikes
Ich bin kein professioneller Journalist und flaniere auf der Eurobike eher planlos über das riesige Gelände. Alle Hallen schaffe ich dabei gar nicht und wahrscheinlich habe ich noch ein Dutzend weiterer Innovationen auf dem Reha-Markt übersehen. Deshalb ist hier ist eine kleine Übersicht von Herstellern, Händlern und Beratungsstellen für Reha-Bikes, die ich auf der Eurobike nicht entdeckt habe:
- Hase Bikes – Hersteller von Erwachsenen-Dreirädern, Tandems und Lastenrädern, mit Fokus auf Individualisierung und besonderen Anforderungen.
- Haverich Reha – Bietet Dreiräder für Erwachsene und Therapieräder, sowie Anpassungen und Umbauten. Vorsicht, die Website ist noch aus den 90ern.
- HP Velotechnik – Die Liegerad-Manufaktur bietet zum Beispiel das Delta TX. Besonderheit ist der teilbare Rahmen für den Transport. Außerdem gibt es viel Reha-Zubehör wie Spezialpedale, Fixierungen und Halter.
- Pro Activ – Bietet eine breite Palette von Reha-Technik-Produkten, einschließlich Rollstühlen, Handbikes, Zug- und Vorsatzgeräten sowie Pedelecs.
- Reha Rad Centrum – Beratungsstelle für Spezialfahrräder mit dem Ziel, Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen (Schlaganfall, MS, Rheuma, Arthrose, Wirbelsäulenerkrankungen, Parkinson und Lähmungen) das Radfahren zu ermöglichen.
- Speedy Bike – Hersteller von Handbikes und Rollstuhl-Zuggeräten.
- Wulfhorst – Bietet Dreiräder für Erwachsene und eine Vielzahl von Transportfahrrädern, einschließlich Rollstuhltransporträdern und Modellen mit Elektroantrieb.
- Fehlt etwas in der Liste? Dann schreibt es bitte in die Kommentare!
Die Vorteile von Liegerädern
Bei Knieproblemen und Rheuma kann ein Liegerad eine sinnvolle Investition sein. Die Gründe:
- Gelenkschonende Bewegung: Die halb-liegende, Rücken-stützende Sitzposition verteilt das Körpergewicht sanfter, wodurch der Druck und die Belastung auf Knie, Hüften und Knöchel deutlich reduziert wird.
- Kräftigung rund um das Knie: Die sitzende Pedaltechnik trainiert gezielt Quadrizeps und Wadenmuskeln, welche das Knie aktiv entlasten und stabilisieren.
- Verbesserte Durchblutung & Mobilität: Die leicht erhöhte Beinposition fördert eine bessere Blutzirkulation.
- Physiotherapeutinnen empfehlen Liegeräder oft zur Rehabilitation nach Kreuzband‑ oder Hüft-OPs, da sie gelenkschonend sind.
- Stabilität & Sicherheit: Die große Sitzfläche, Rückenlehne und niedrige Bauweise geben mehr Halt – ideal bei Gleichgewichtsproblemen oder zur Sturzprävention . Der niedrige Schwerpunkt macht Stürze weniger gefährlich.
Die Spezialradmesse SPEZI

Einen viel breiteren Ansatz als den Reha-Bereich verfolgt die Spezialradmesse SPEZI . Was die Eurobike für alle Fahrräder ist, ist die SPEZI für alles jenseits des klassischen Diamantrahmens: Da gibt es Lastenräder, Trikes, Anhänger, Liegeräder, Velomobile, Reha-Bikes, Tandems, Falträder und Zubehör zum Ansehen und Ausprobieren. Die SPEZI wurde 1996 gegründet, fand bis 2019 in Germersheim statt und wechselte nach einer pandemiebedingten Pause 2023 nach Lauchringen. Wie die Eurobike hat sich auch die SPEZI professionalisiert, ab 2026 findet sie auf dem Messegelände in Freiburg statt. Termin: 25. und 26. April 2026. Die Details:
- Rund 100 Aussteller aus dem In‑ und Ausland.
- Große Testparcours, wie auch auf der Eurobike.
- Im Erfindungslabor ist das kreative Herzstück stellen Start‑ups, Hobby-Tüftlerinnen, Bastler, aber auch etablierte Hersteller neue Ideen. Vergeben werden ein Jury‑ und Publikumspreis.
- Rahmenprogramm mit Workshops und Vorträgen, zum Beispiel zu Abenteuerreisen auf Trikes, Rehabilitation und neue Fahrradtypen.
- Am Samstag gibt’s ein kleines Festival mit Musik & Begegnung direkt auf dem Gelände.
Organisiert wird die Messe von dem in der Liegerad-Szene bekannten Namen Wolf & Wolf. Beim Liegerad-Hersteller Wolf & Wolf GmbH werkeln Gabriel, Florian und Franz. Neben dem Fahrradbau sind die Förderung der Fahrradkultur und die Umweltbildung im Unternehmenszweck verankert. Wer sich für Fahrräder abseits des Üblichen interessiert, kann auf der SPEZI viel entdecken – und probefahren. Soweit zu den technischen Entwicklungen bei den Reha-Bikes. Jetzt zur Frage, wer sich die Räder überhaupt leisten kann.
Warum sind Reha-Bikes so teuer?
Der gesamte Produktionsprozess, einschließlich Forschung und Entwicklung ist komplex und kostenintensiv. Und bei guten Bikes werden langlebige und robuste Komponenten wie Rahmen, Bremsen, Schaltung und Reifen benötigt, die oft teurer sind als Standardteile. Im Vergleich zu Standardfahrrädern werden Reha-Bikes in geringeren Stückzahlen produziert, was zu höheren Stückkosten führt. Auch Transport- und Vertriebskosten können bei Spezialfahrrädern höher sein, da sie oft einen aufwendigeren Versandprozess erfordern.
Was tun? Vielleicht mal bei den Krankenkassen Lobbyarbeit leisten. Oder für breite, sichere und komfortable Radwege kämpfen. Denn mit einer guten Infrastruktur steigen mehr Menschen vom Auto aufs Fahrrad um. Das erhöht dann auch die Stückzahlen für Fahrräder aller Art und senkt die Preise.
Manche sind aufs Auto angewiesen, manche auf Alternativen
Natürlich können nicht alle Fahrrad fahren, auch nicht Reha-Rad. Aber für die, die es können und wollen, sollte es so einfach wie möglich sein. Da lohnt sich ein Blick in fortschrittliche Länder wie die Niederlande und Dänemark. In den autoverkehrsberuhigten Zonen von Amsterdam, Utrecht, Groningen und Kopenhagen ist die Fahrt mit dem Erwachsenen-Dreirad oder dem E-Rolli besser möglich als in Stuttgart, Wiesbaden oder Mönchengladbach. Und auch diejenigen, die auf das Auto angewiesen sind, kommen in autoreduzierten Städten besser voran. Es geht nicht darum, das Auto zu verteufeln, sondern die verkehrspolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte wieder zu korrigieren. Die autogerechte Stadt hat nie funktioniert und wird es nie. Umsteuern ist angesagt. Hier einige konkrete Ideen zu Verkehrswende:
- Macht es wie Lüttich und bringt die Tram wieder in die Städte – aber diesmal mit barrierefreien Haltestellen und Fahrzeugen. Das verringert die Abhängigkeit vom Auto.
- Schafft sichere und breite Wege für alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, mit dem Fahrrad und dem Spezialrad unterwegs sind.
- Schafft sichere und ebenerdige Abstellplätze. Nicht jeder kann ein Reha-Bike in den Keller eines Mietshauses schleppen.
- Schafft Lademöglichkeiten!
- Für die, die aufs Auto angewiesen sind, braucht es gesicherte Parkmöglichkeiten vor dem Haus, dem Arbeitsplatz, dem Supermarkt und dem Theater.
Irgendwie muss das doch zu diskutieren sein, ohne gleich die üblichen rhetorischen Kampfbegriffe auszupacken: Ideologie, Autohass, Fahrrad-Glorifizierung. Und nach dem Diskutieren dann bitte auch umsetzen. Danke! Wenn es andere Länder schaffen, dann kann das auch in Deutschland klappen.
Die alterende Gesellschaft
Was die ganze Diskussion um Erwachsenen-Dreiräder und Reha-Fahrräder in den kommenden Jahren beflügeln wird, sind die Boomer, also die geburtenstarken Jahrgänge. Sehr viele Menschen kommen ins Rentenalter und die Mobilitätsbedürfnisse sind gestiegen. Wie kommen 80- und 90-jährige mit ihren körperlichen Einschränkungen unkompliziert, sicher und stylish in die Bäckerei und in die Bücherei, zum Open Air und in die No-Age-Disco? Mit dem Cabrio oder dem Easy Rider? Choose your fighter! Born to be wild!
Nachtrag: Paracycling

Wer sich für das Thema Paracycling interessiert, wird auf der Website fundmyparabike.de fündig. Der Radsportler Stefan Schaberg berichtet dort über das Thema Radsport und Inklusion. Einen kleinen Bericht zur Deutschen Meisterschaft im Paracycling findet ihr hier: Deutsche Meisterschaft. Gefahren wurden dabei folgende Typen:
- Dreirad
- Tandem
- Liegerad
- Standard-Rennrad
Mit am Start war auch der Paralympics-Bronze-Medaillengewinner Matthias Schindler. Nach einem Tumor an der Wirbelsäule kann er sich nur eingeschränkt bewegen.
PS: Die XVIII. Paralympischen Sommerspiele werden voraussichtlich vom 15. bis zum 27. August 2028 in Los Angeles ausgetragen. Auch Paracycling ist zählt hier zu den Disziplinen.