Helmpflicht fürs Fahrrad?

Ritter mit Helm
Die Radhelmpflicht gefährdet die Gesundheit von Radfahrern.

Die Polizei und die Verkehrserzieher wollem mehr Helmträger auf den Straßen. Und die radikalen Chirurgen fordern gar eine Radhelmpflicht. Doch die Radhelm-Eiferer schweigen zu den üblen Nebenwirkungen der Radfahrer-Gängelung. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Er trug keinen Helm!

Er trug keinen Helm! Dieser Vorwurf gegen ein Unfallopfer wird von der Polizei nur dann erwähnt und über die Medien verbreitet, wenn es sich um einen Radfahrer handelt. Bei Fußgängern und Autofahrern spielt der Kopfschutz überhaupt keine Rolle, obwohl das Risiko einer Kopfverletzung für diese beiden Gruppen ja nicht geringer ist. Warum das wohl so ist? Geht es da wirklich nur um den Schutz von Radfahrerinnen und Radfahrern, oder um deren Gängelung? Denn durch einen Helm ist noch kein einziger Unfall verhindert worden.

Die Helmpflicht macht Radfahren kompliziert

Die Helmpflicht senkt nicht die Zahl der verletzten Radfahrererinnen und Radfahrer – im Gegenteil: Eine allgemeine Helmpflicht erhöht die Zahl der Unfälle. Die Menschen wählen nämlich das unkomplizierteste Verkehrsmittel, um von A nach B kommen. Sie wählen das Fahrrad, weil es ohne großes Tamtam funktioniert.

Radhelm-Studien von D.L.Robinson und Jessica Dennis

Die Auswirkungen des Helmzwangs hat zuerst eine australische Studie untersucht. In Regionen, in denen der Helm zur Pflicht gemacht wurde, stieg die Helmquote. Beispiel: Im Bundesstaaat Victoria trugen vor der Helmpflicht nur 31 % einen Kopfschutz, nach dem Helmzwang waren es 75 %. Allerdings: Es ging auch die Anzahl der Radfahrer in diesem Bundestaat massiv zurück, nicht die Unfallzahl pro gefahrenem Kilometer. Die Erklärung von D.L. Robinson: Wenn weniger Radfahrer auf den Straßen präsent sind, rechnen die Autofahrer nicht mehr mit ihnen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine sehr intensiv durchgeführte kanadische Studie unter der Leitung von Jessica Dennis. In Kanada haben 6 von 10 Provinzen die Helmpflicht eingeführt, und in genauen in diesen 6 Provinzen sank die Fahrradquote und stieg das Unfallrisiko für diejenigen, die nicht auf das Auto umgestiegen waren..

Einführung des Pflichthelms – das Szenario

Bei der Einführung des Pflichthelms droht auch in Deutschland ein ähnliches Szenario: Wer früher noch gerne mit dem Fahrrad ins Büro, zum Einkaufen oder ins Theater gefahren ist, steigt auf das Auto um. Nur noch Kampfradler und Kuriere sind mit dem Zweirad unterwegs, Frauen fast gar nicht mehr. Die Folgen für die Verkehrssicherheit:
Die Zahl der Radfahrer sinkt, und damit die Zahl derjenigen, die fast keine schweren Unfälle verursachen.
Die Zahl der Autofahrer steigt, und damit die Zahl derjenigen, die fast alle schweren Unfälle verursachen.

Fazit: Niemand will für die Fahrt zum Bäcker einen Helm mitnehmen. Helme gehören ins Mittelalter oder zum Militär – nicht zum Brötchenkauf. Eine Helmpflicht macht das Radfahren kompliziert und damit unattraktiv. Es möchte sich auch nicht jede Frau mit dem Helm die Frisur ruinieren.

Autofahrer gegen Helmträger

Ein großes Problem ist das Verhalten von Autofahrern, sobald sie Radfahrer als professionell ausgerüstet wahrnehmen. Schlechte Erfahrungen habe ich persönlich mit einer Kopflampe gemacht. Die Autofahrer haben mich sofort als professionellen Radfahrer identifiziert und sind mir entsprechend aggressiver begegnet, haben mich häufiger geschnitten und enger überholt. So eine Lampe oder ein Helm singnalisieren leider auch: Der Radler weiß mit Gefahren umzugehen, der fällt nicht gleich vom Rad. Um aus dieser Falle heraus zu kommen, gibt es ja in London und anderen Städte den World Naked Bike Ride, also das Fahren völlig ohne Schutz. Ziel der Veranstalter ist es unter anderem, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen.

Helmpflicht ist wie Gurtpflicht?

Dieses Argument wabert immer wieder durch die Debatte: die erfolgreiche Gurtpflicht. Die Gurtpflicht gilt seit 1. Januar 1976 und hat vielen Autofahrern die Gesundheit und das Leben gerettet. Also soll jetzt der Helm die Gesundheit und das Leben der Radfahrer retten. Was bei dieser Argumentation übersehen wird: Der Gurt ist im Auto schon eingebaut, den muss man nicht mitschleppen. Und außerdem: warum werden Äpfel mit Birnen verglichen, wieso kein direkter Vergleich? Vorschlag der Radkolumne:

  • Wenn Helmpflicht, dann für alle: Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger.
  • Wenn Gurtpflicht, dann für alle: Autofahrer, Kinder im Lastenrad und Senioren mit dem Rollator.

Helmpflicht: Todesstoß für Bikesharing-Dienste

Fahrradfahrer auf Leihrad
Spontan ein Rad leihen? Geht nur ohne Helmpflicht. Bild: Nextbike.

Der Fahrradverleih, neudeutsch Bikesharing genannt, ist heute ein wichtiger Faktor zur Entlastung der Städte vom Autoverkehr. Ein kurzer Blick auf Zahlen vom größten Anbieter (Nextbike): In Berlin stehen etwa 5.000 Leihräder zur Verfügung, in Köln wird im Jahr 2021 auf 3.500 Räder aufgestockt, in Leipzig sind es rund 1.000. Und Nextbike ist ja nicht der einzige Anbieter, hinzu kommen noch Call-a-bike (Fahrradverleih der Bahn), Limebike und diverse kleinere und regionale Bikesharing-Dienste. Sie alle sorgen dafür, dass die Straßen nicht noch mehr von Autos verstopfen. Und sie alle leben davon, dass sich viele spontan für das Fahrrad entscheiden.

Spontan statt kompliziert

In Leipzig ist mir mal Folgendes passiert: Wir hatten zu dritt eine schnuckelige Ferienwohnung gebucht und sind mit der Bahn angereist, dann ging es weiter mit der Straßenbahn zur Ferienwohnung. Da hing allerdings nur ein Zettel: Schlüssel bitte in der XY-Straße abholen. In Laufweite war der Abholort aber nicht gerade und die Straßenbahn fuhr nur mit Umsteigen hin. Kein Problem, wenn die Stadt ein vernünftiges Leihradsystem hat. Dann holt eben einer mal schnell den Schlüssel und die anderen setzen sich so lange in ein Café. So einfach geht das, aber nur ohne Helmpflicht. Wer nimmt schon immer einen Fahrradhelm mit, weil es sich eventuell ein Rad leihen will? Fazit: Kommt die Helmpflicht, gehen die Verleiher pleite. Damit stirbt dann auch ein Stück der deutschen Fahrradwirtschaft.

Radfahrer gegen Radfahrer

Wie ist das nun bei Zusammenstößen von Radfahrern untereinander? Radrennfahrer, die Massenstürze kennt man ja aus dem Fernsehen, tragen ja auch einen Helm. Richtig, aber die fahren auch im Pulk, im Windschatten und mit hohen Geschwindigkeiten. Bei allen Radrennen sind Helme zwingend vorgeschrieben und daran soll auch nicht gerüttelt werden. Wer Unfälle von Alltags-Radfahrern verhindern möchte, sollte lieber die unfallfördernde Verkehrsplanung beseitigen. Weg mit den Mordstreifen!

Ein Beispiel für die unfallfördernde Verkehrsplanung ist die Multifunktions-Anlage in den beiden Bildern. Sie dient in erster Linie als Bedürfnisanstalt, daneben aber auch als Unterführung für Fußgänger und Radfahrer. Gefährlich ist jetzt weniger die Passage selbst, sie zählt zum Würzburger Urinalweg, einem Ensemble von drei Unterführungen im Norden der Stadt, sonden die Kreuzung davor. Wie auf dem zweiten Bild zu sehen ist: Ein Blickkontakt zum abzweigenden Fuß- und Radweg rechts ist nicht möglich. Und nicht einmal das Gestrüpp ist weggeschnitten. Ein Helm mildert Unfallfolgen ab, gut. Aber warum nicht bei der Unfallverhütung ansetzen?

Statt Helmpflicht: Wirksame Unfallverhütung

Wenn ein Radfahrer von einem Autofahrer gerammt wird, oder auf einem der miserablen Radwege stürzt, dann mildert ein Helm in manchen Fällen den körperlichen Schaden. Richtig! Aber wie wäre es denn damit, etwas früher anzusetzen, nämlich bei der Unfallverhütung? Was getan werden muss: Tempolimit 30 innerorts und 80 auf der Landstraße. Weg mit den Mordstreifen, her mit breiten und geschützten Radwegen. Konsequentes Abschleppen von Autos, die illegal und sichtbehindernd parken. Die Handy-Daddler mit angemessenen Bußgeldern aus dem Verkehr ziehen. Das wären wirksame Ansätze zur Unfallverhütung, die niemand gängeln. Mit Ausnahme derer, die sich nicht an die Straßenverkehrsordnung halten, aber die haben sich das eben verdient. Wie, das ist intolerant? Dazu mal ein Vergleich: Beim Schwarzfahren redet auch niemand davon, dass ein Ertappter gegängelt wird. Er hat sich nicht an die Regeln gehalten und muss das erhöhte Beförderungsentgelt bezahlen. Er wurde eben erwischt und muss die Konsequenzen tragen.

Helmpflicht für Fußgänger

Folgt man der Helm-Propagandisten, dann ist der verpflichtende Radhelm nur der Anfang. So schreibt die Sächsische Zeitung:

Für Radfahrer gilt: Helme retten Leben. Wir wollen ja auch, dass unsere Kinder Helme tragen. Radfahrer sollten sich absolut immer an Verkehrsregeln halten und versuchen, Verständnis für Autofahrer aufzubringen.
Wie können sich Fußgänger schützen?
Jeder zweite Fußgänger stirbt bei Dunkelheit, obwohl viel weniger abends und nachts unterwegs sind. Leuchtstreifen helfen wirklich, nach einer Party in der Dorfdisko kann man sich auch mal eine Warnweste überziehen. Und auch bei Grün sollten Fußgänger im Zweifel lieber stehenbleiben, als auf ihr Recht auf der Straße zu beharren. Das kann tragisch enden.

Sächsische Zeitung

So ist das also. Leuchtstreifen und Warnwesten schützen Leben, und auf das Gehen bei Grün soll verzichtet werden. Da ist es bis zur Helmpflicht für Fußgänger auch nicht mehr weit. Das passende Wording für zukünftige Unfallmeldungen liegt sicher schon in der Redaktions-Schublade. In fünf Jahren werden wir solche Meldungen lesen müssen:

Fußgängerin kollidiert auf Zebrastreifen mit SUV und verletzt sich tödlich. Sie trug keinen Helm.

Unfallmeldung aus der Zukunft

Kommt der Stadtbahn-Helm?

In Stuttgart rammen Autofahrer, weil sie am Handy rumdaddeln oder verboten abbiegen, mit Regelmäßigkeit die Stadtbahn. Die lokale Presse nennt diese Zusammenstöße aber nicht etwa Autounfälle, sondern Stadtbahnunfälle, siehe hier den Artikel der Stuttgarter Nachrichten. Die Leserinnen und Leser der Lokalzeitung lernen dabei: Die Stuttgarter Stadtbahn ist ein gefährliches Verkehrsmittel. Dann wird es doch Zeit, dass die Benutzer der mörderischen Stadtbahn mal etwas für ihre Sicherheit tun? Wie wäre es mit einer Helmkampagne der SSB, der Stuttgarter Straßenbahnen AG? Vielleicht mit einem Slogan als Wortspiel, irgendwas mit Will-Helma vielleicht?

Freiwilliges Helmtragen

Natürlich will ich niemandem das Tragen eines Helms ausreden. Schon deshalb nicht, weil die Hälfte der Radlerinnen und Radler aus meinem Bekanntenkreis grundsätzlich den Helm dabei hat und trägt. Ist absolut okay, jeder hat ja nur einen Kopf und da draußen auf den Straßen sind viele Irre unterwegs. In der Kritik steht aber die Helmpflicht. Wenn sie kommt, und sei es auch nur für Pedelecs, wird es für Radfahrer nicht sicherer, sondern gefährlicher. Und ja, Kinder sollten beim Radfahren immer einen Helm tragen.

Wer die Straßen auf Welt wirklich sicherer machen möchte, setzt sich für eine Autofahrer-Helmpflicht ein. Dann würde die Autofahrt zum Bäcker nämlich umständlich und unattraktiv. Die Brötchen würden lieber mit dem Fahrrad geholt, die Straßen nicht mehr von Autos geflutet.
Wo es weniger Autos gibt, passieren weniger Unfälle. Fazit: Die Helmpflicht für Autofahrer senkt die Unfallzahlen – nicht die Helmpflicht für Radfahrer.

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7 Gedanken zu „Helmpflicht fürs Fahrrad?

  1. Hallo Radchef, dein Artikel ist eine gute Anregung, dieses Thema weiter zu entwickeln, respektive eigene Erfahrungen einzubringen ;-)! Stimme mit dir überein, daß eine Helmpflicht nicht nötig ist, d.h. ich will meinen BeachCruiser auch mal mit ner stylischen Kappe oder nem Sonnenhut fahren ohne ein Bußgeld befürchten zu müssen!
    ABER: Ich fahre regelmäßig seit 28 Jahren mit Helm (inzwischen 260 gr. und fast so gut belüftet wie ohne Helm) und fühle mich als einspuriger Mobilist dadurch sicherer…
    LG Bernd

    1. Okay, bei einem Crash ist man mit Helm besser geschützt. Aber Helme verhindern keine Unfälle, sie mildern nur die Folgen.
      LG, auch Bernd 😉

  2. Man kann zum Glück die Argumentation gegen eine Helmpflicht zu sein nur als Satire betrachten.
    Es gibt keinen ernsthaften Grund sich des Kopfschutzes zu verwehren.
    Jeder Gurtmuffel kommt mit dem Argument irgendwo mal wen gekannt zu haben dem das Anlegen des schwarzen Dingsbums geschadet hat.
    Ein klares DOCH,man kann auch zum Bäcker mit Helm radeln. Uns fehlt es am Selbstverständnis, aber es wird kommen.
    Seht euch nur auf heutigen Skipisten um.
    Vor weniger als 20 Jahren galten jene mit Helm als entweder Rowdys oder Freaks.Heute ist es andersrum.

    1. Hallo Florian,
      wer einen Helm aufziehen möchte, soll dies tun, keine Frage. Ich kann aber den Vergleich mit der Gurtpflicht nicht nachvollziehen. Ein Gurt ist ja schon im Auto eingebaut, er macht also das Autofahren nicht komplizierter. Einen Helm muss man dagegen kaufen und mit sich herumschleppen, wenn man gerade nicht auf dem Fahrrad unterwegs ist. Wenn die Helmpflicht kommt, werden spontane Fahrten mit dem Rad unterbunden.
      Die langen „Rüstzeiten“ machen das Fahrrad unattraktiv: Rad aus dem Keller holen, helle Kleidung ‚raussuchen, Reflekoren anlegen, Helm anlegen…
      Deswegen bin ich gegen die Helmpflicht. Sollte sich eines Tages an jedem Haus eine überdachte Fahrradgarage mit Helmbox befinden, dann wäre das was anderes.
      Grüße,
      Bernd Schmitt

  3. Unverantwortlich! Die Forderung nach Verbesserungen der Fahhradwege hat überhaupt nichts mit dem Tragen von Helmen zu tun, Das ist unverantwortlicher Fahrradliberalismus!. Gern hätten wir Verhältnisse wie in Kopenhagen. Die fahren trotzdem mit Helm. Vor Allem Kinder. Halten sie die für Idioten?

    1. Hallo erstmal 😉
      Meine Meinung: Jeder soll selbst entscheiden, ob er einen Helm trägt. Eine Helmpflicht lehne ich ab, das würde das Radfahren komplizierter machen.
      Grüße,
      Bernd Schmitt

  4. Die „Helme“ für Radfahrer sind ein Witz. Wenn da einer kräftig mit der Birne aufhaut, hält da auch nichts mehr.

    Um das Gegenbeispiel zu Kopenhagen zu nennen: In Amsterdam fährt fast jeder OHNE Helm. Komischerweise ist da Radfahren ganz selbstverständlich, auch für die Autofahrer.

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